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Sand
Musik für Violine, Violoncello und Klavier
mit einem Text von → Cyrus Atabay

ca. 10 Min. 30 Sek.
komponiert 2025
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Einführung


Zwei gegensätzliche Prinzipien hat die Ideologie des Bürgertums hervorgebracht. Das eine findet sich in der Maxime des Fortschritts, die alsbald mit dem Begriff des Wachstums verbunden und sich in der Folge auf die Steigerung des Reichtums von wenigen verengt hat. Da ist zum anderen die Idee der ewigen Wiederkehr, die aufkam „als die Bourgeoisie der bevorstehenden Entwicklung der von ihr ins Werk gesetzten Produktionsordnung nicht mehr ins Auge zu blicken wagte“ – so Walter Benjamin in seinem Passagenwerk [D 9,3]. Wenn diese beiden gegensätzlichen Denkansätze zusammenwirken, verewigen sie die verengte Vorstellung von Fortschritt und verhindern damit jede qualitative Veränderung. Das Ende der Welt wird – nach Fredric Jameson – eher vorstellbar als das Ende des Kapitalismus. Daraus resultiert das weit verbreitete Gefühl der Macht- und Hilflosigkeit.
Um der Resignation zu widerstehen, muss die Unvereinbarkeit dieser beiden Prinzipien sichtbar gemacht und ein darüber hinausgehendes Feld von Utopien und Denk-Möglichkeiten eröffnet werden.
In Sand stelle ich mir die Frage, wie diese beiden letzten Punkte musikalisch eingelöst werden können. Dazu gehört sowohl die Bewegung als auch das Stillstellen. Da wo eine von Spannungen gesättigte Situation stillgestellt wird, tritt die Dialektik zu Tage.
Für die Komponierarbeit bedeutet das, mit disparatem Material umzugehen und für jedes dieser Materialien eigene Musizierformen zu kreieren.
In drei Abschnitten spielen die Instrumente jeweils in eigenem Tempo ohne Koordination, in einem Abschnitt folgt das Instrumentalspiel dem Rhythmus eines gemeinsam deklamierten Textes. Andere Abschnitte mit gemeinsamem Tempo sind mit unvorhersehbar langen Pausen durchsetzt, einzelne bilden einen kontinuierlichen Ablauf. Einzig die „Schwellen“ verbinden die gegensätzlichen Teile. Das deklamierte Gedicht von Cyrus Atabay transformiert den Grundgedanken in eine poetische Ebene und schafft damit einen zusätzlichen Gegensatz in dem eher spröden Stück.


Text


Der geheimste Kristall I

von → Cyrus Atabay

Die Unwiederholbarkeit der Zeit,
die sich in einem Satz konzentriert,
für den ein ganzes Leben erforderlich war,
um ihn zu sagen.
Du läßt den Sand der Sahara
aus deiner Hand niederrieseln,
du übersetzt die Zeit,
die dir bleibt
in eine andere Sprache.

(Cyrus Atabay: Die Wege des Leichtsinns. Düsseldorf 1994)

Aufführungen


Uraufführung:
27. Oktober 2025: Musikbibliothek Frankfurt am Main; → Emily Yabe - Vl, → Matthias Lorenz - Vc und → Torsten Reitz - Klav.