Stücke, Abfolge und Texte
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Von der schwarzen Erde dieser Welt
Konzert-Zyklus aus 17 Musikstücken für 2 Blockflöten,
Chitarrone, Viola da Gamba und Cembalo und 16 Texten über das Exil
(ca. 85 Min.; komp. & UA 1992)
Texte von:
Zafer Senoçak,
Erich Fried,
Mazisi Kunene,
Odia Ofeimun,
BahadurTejani,
Suleman Taufiq,
René Schwachhofer,
Ferreira Gullar,
Martin Gumpert,
Nelly Sachs,
Hasan Dewran,
Noémia de Sousa,
Nicolás Guillén,
Alberto Vanasco,
Siir Eroglu
und einem Text der Yoruba
komponiert für die
camerata moderna
Die Stücke Nr. 5, 6, 7, 8, 9 und 11 sind komponiert im Auftrag
der Stadt Oldenburg zur Verleihung des Carl von Ossietzky-Preises 1992.
Sie wurden zunächst unter dem Titel „Sechs Stücke mit Lesetexten“
zusammengefaßt und als solche abgedruckt in der Dokumentation zum
Carl von Ossietzky-Preis, Hrsg. von der Stadt Oldenburg, Kulturdezernat:
Bemmann, Helga: Kurt Tucholsky - Ein Lebensbild. Sassin, Horst: Die Robinsohn-Strassmann-Gruppe
1934-42. Charakterinseln im Schlammsee des Dritten Reiches. Holzberg, Oldenburg 1993.
Alle Musikstücke sind auch einzeln ohne Text aufführbar. Wird der Zyklus als
Ganzes aufgeführt, so werden die Texte zwischen den Stücken gesprochen.
Die Tatsache, daß wir unseren Reichtum, den wir als untrennbare Dreingabe
zu unserer Auffassung von Humanität betrachten, der übergroßen
Mehrheit der Menschen schulden, die wir zur Armut verurteilen, und die
Tatsache, daß wir diesen Menschen, wenn sie in unserer großen
Wagenburg vorstellig werden, mit Pogromen begegnen, unfähig, sie anzuhören,
diese Tatsachen belegen, wie sehr wir in der Haltung der Verdrängung,
der Besitzstandswahrung und des ewig alten Wir haben von nichts gewußt
verhaftet sind. 1. bodenlos in Erwartung
Musik für 2 Blockflöten
(c-Sopr, f-Alt),
Chitarrone, Viola da Gamba und Cembalo
(ca. 8 Min. 20 Sec.)
Ein extrem langsamer Drei-Sekunden-Puls bildet den
Körper des Stückes. Es folgt den ersten acht Tönen einer
Zwölfton-Melodie, die den ganzen Zyklus Von der schwarzen Erde dieser
Welt bestimmt. Verschiedene Formen von Repetitionen einzelner Töne
und Tonaggregate gehen in vibrierende, gleitende Prozesse über, Punkte
lösen sich in Flächen, Geräuschhaftes wird figürlich.
auch am Zaun
ragen die Äste
von Garten zu Garten
geben sich die Blätter
zu einem Wald
2. flüchtige Rückbeziehung
Musik für Blockflöte
(c-Tenor) (ca. 1 Min. 10 Sec.)
Repetitionen zerhetzen sich, Zögern wird eingetragen,
nimmt zu, beherrscht schließlich. Das extrem unterschiedliche Klangbild
tiefer und hoher Lage der Renaissance-Tenor-Blockflöte trägt
einen weiteren Gegensatz in die Miniatur ein.
Kann der Kulturschock
bei Begegnung
mit fremden
Kulturen
den Schock verringern
den mir
meine eigene
bringt?
3. inständige Entgegnung
Musik für Chitarrone, Viola da Gamba und Cembalo
(ca. 1 Min. 50 Sec.)
Liegeklänge komplexer Natur entfalten sich.
Ergebnis vierdimensionaler Behandlung, Klang stürzt in die Zeit, stellt
das Stück die Unvorhersehbarkeit des Gleichen dar. Instrumentale Möglichkeiten
werden bis in die Unhörbarkeit zerdehnt.
Europa
Du lachtest über den Blinden
und warst doch selber blind
wie du kämpftest in der großen Nacht.
Deine Kinder haben das Feuer geerbt.
Sie blasen die Flammen zum Himmel
verbrennen andre im Schlaf.
4. bitterer Bodensatz
Musik für 2 Blockflöten
(Voice-Flutes) (ca. 10 Min. 30 Sec.)
Heimatlose, fundamentlose Glissandi treiben durch
den Raum, treffen sich, kreuzen sich, reiben sich. Aus der scheinbar antriebslosen
Bewegung voller Ruhe kristallisieren sich rhythmische Figuren, die sich
immer schneller und komplexer mit den Glissandi kreuzen und sie schließlich
auffressen. Umtriebig, zerhetzt, wahnsinnig endet die Jagd.
Und wie kann ich singen
Wenn sie mir Spinnweben ins Maul stopfen
den Schleim ihres öden Strebens
auf meine Augen spucken
- Wer öffnet mir die Tore
meiner Hoffnung auf diesem Wege der Flucht?
5. zueinander verstört
Musik für 2 Blockflöten
(g-Alt, Voice-Flute)
, Chitarrone, Viola da Gamba und Cembalo
(ca. 1 Min. 30 Sec.)
Sich überlagernde, schwebende, in sich ruhende
oder bewegte Liegeklänge begrenzen sich gegenseitig mit zerrissenen,
schnellen Figuren, gehen selbst in solche über, oder entstehen daraus.
Innere Aufgewühltheit steht neben äußerster Ruhe.
Nur ein Trost:
Es sind doch
andere auch
die im Dunkel schmachtend ziehn
verjagt
von Haus und Land
und manche selbst
von ihrer Hautfarbe
6. Augenlid offen aus der Tiefe
Musik für Viola da Gamba
(ca. 45 Sec.)
Subtile Charaktere überlagern sich gegenseitig,
bedrängen sich in ihren individuellen Gestalten, eine feine, hintergründige
Balance drängt sich durch.
zerdrückt
wie ein Insekt
geschickt
ins Exil
ein flüchtling
wird aus ihm gemacht
er wird gesucht
7. steinerne Wurzeln
Musik für 2 Blockflöten
(c-Tenor)
und Chitarrone
(ca. 1 Min. 30 Sec.)
Ein schnelles aufgeregtes Motiv in engstmöglicher
Lage findet durch Tempo-Modulationen langsam zur Ruhe, allerdings unter
extremer Weitung der Lage, Spreizung des Ausdrucks und Aufsplitterung der
Klanglichkeit.
Ich trage das Schandmal der Armut
Durch meine Träume treiben
die Verfolgten und Elenden.
Mich berührt der Aussatz der Erde -
Meine Stimme füllt sich mit Haß.
8. Frühlingsmalmen
Musik für Viola da Gamba und Cembalo
(ca. 2 Min.)
Heftige, variable Metren treiben einen einzigen Akkord
durch alle Lagen, Betonungen und Unbetonungen durchkreuzen einander, harte
Pizzicati und volle Cembalo-Akkorde fragen sich nach dem Miteinander oder
Gegeneinander.
auch die Früchte
die wir nicht essen werden
machen den Abend
(Euren
Abend, an dessen Rand ich stehe)
9. der Rose Salz
Musik für Chitarrone
(ca. 1 Min.)
Einzelne, ereignishafte charakterlich unterschiedene
Töne und Klänge entfliehen, verklingen und sind in ihrer Unhörbarkeit
doch noch im Raum anwesend. Ausgewogene Ruhe und Balance bestimmen die
Miniatur.
Euch ist die Macht geraubt, euch zu erschrecken
Euch ist der Ton versagt, um aufzustöhnen
Euch ist das Glück versagt, vor Scham zu weinen.
10. wohin innehalten?
Musik für 2 Blockflöten
(g-Alt),
Chitarrone, Viola da Gamba und Cembalo
(ca. 13 Min. 15 Sec.)
Ein einziges rhythmisches Motiv beherrscht das ganze
Stück. Dies wird in ständigen Tempomodulationen durch alle Tempi
getrieben und gewinnt so immerzu neuen gestischen Gehalt. Innerhalb des
Zyklus spiegelt das Stück gleich mehrfach alles bisher dagewesene,
nimmt Klanglichkeiten und architektonische Strukturen wieder auf, benutzt
Motive anderer Stücke, zitiert, ohne von dem alles beherrschenden
Motiv zu lassen, und treibt dieses bis zur Raserei.
Wir sind so wund
daß wir zu sterben glauben
wenn die Gasse uns ein böses Wort nachruft.
Die Gasse weiß es nicht,
aber sie erträgt nicht eine solche Belastung
nicht gewöhnt ist sie einen Vesuv der Schmerzen
auf ihr ausbrechen zu sehen.
11. in die Träume gesickert
Musik für 2 Blockflöten
(f-Alt),
Chitarrone, Viola da Gamba und Cembalo
(ca. 5 Min. 30 Sec.)
Fahrig fließende, verwischte Flächen entwickeln
sich zum Aufschrei, der im Schweigen endet. Entsetzen? Vielleicht Ohnmacht?
Der Schluß des Stückes weist über das vorige hinaus auf
etwas, das vielleicht tiefer reicht?
Das Unwetter der Armut brach herein
riss das Leben brotloser Menschen mit sich fort
trennte ihr Schicksal vom Boden Anatoliens
und spülte sie an fremde Ufer
12. entbehre dir entgegen
Musik für 2 Blockflöten
(Voice-Flute, c-Tenor)
und Viola da Gamba
(ca. 2 Min. 20 Sec.)
Das Stück bildet einen einfachen Klangbogen,
der vielfältige Reibungen, Spaltklänge, Kombinationstöne,
Schwebungen durch verschieden schnelle Frequenz-, Amplituden-, und Klang-Vibrati
miteinander kombiniert in großem Atem entfaltet.
Ich bin nichts als eine Leier des Körpers
in dem Afrikas Widerstand gerinnt
sein Schrei, trächtig von Hoffnung
13. auf innerer Straße
Musik für Cembalo
(Auff.zeit: variabel; im Zyklus: ca. 50 Sec.)
Perkussive Miniatur, die neben Clustern den Korpus
des Cembalo in das Spiel miteinbezieht. Die Architektur ist ein achtstimmiger
rhythmischer Kanon. Deshalb lautet die Spielanweisung 0hne Anfang und ohne Ende.
Ohne uns zu kennen, werden wir uns am Hunger erkennen,
an der Tuberkulose und an der Syphilis,
an dem an schwarzer Börse gehandelten Schweiß,
an den Kettenresten,
noch immer der Haut verhaftet
14. ins Herz geritzt
Musik für 2 Blockflöten
(f-Alt, Voice-Flute),
Chitarrone, Viola da Gamba und Cembalo
(ca. 3 Min. 30 Sec.)
Auf der Grundlage des inneren Widerspruchs zwischen
einer metrisch klar definierten Stimme des Chitarrone und den anderen zeitlich
freieren Stimmen entwickelt sich die Artikulation der Instrument-Körper
als eine sich gegenseitig und sich selbst erkennende Kommunikation zwischen
Unterschiedenen.
Die Wasser der Inexistenz dürfen nicht weiter ansteigen
Die schweren Alkohole des Vergessens dürfen nicht länger fließen
die langsamen Schamröten des Verbrechens dürfen nicht länger schweigen
15. mögliche Folge
Musik für Blockflöte
(c-Sopran) (ca. 40 Sec.)
Vierschichtige Lagen-Polyphonie ähnlicher Bestandteile
bilden den architektonischen Hintergrund der Miniatur, die tiefe Glissandi
mit rasenden durch alle Lagen hetzenden Sprung-Figuren abwechselt.
Zurück
Auch die Gedanken müssen mitgenommen werden
die Gedanken an Sehnsucht und Wärme
man braucht sie nicht mehr
Doch es bleiben andere Gedanken
die an Hohn Schweiß und Verachtung
Diese lassen sie zurück
denn sie gehören hierher
16. bedeutlichkeitshalber
Musik für Chitarrone und Cembalo
(ca. 4 Min. 20 Sec.)
Eine quasi-Unisono-Folge der beiden so verschiedenen
Zupfinstrumente und immer wieder anders entstehende und verlöschende
Liegeklänge bilden die Hauptbestandteile des Stückes. Das Erreichen
der Stille, Verdichtung, Zurücknahme wird Substanz.
Beschwörung für die Wiedergeburt eines toten Kindes
Tod fängt den Jäger mit dem Schmerz.
Eshu fängt den Sammler mit dem Sack.
Die schwarze Erde des Landes ist der Acker.
Die rote Erde des Himmels ist das Grab.
Du, mein Kind
Oludande, du Geboren-zu-Sterben
komm zurück von der roten Erde des Himmels.
Komm und iß von der schwarzen Erde dieser Welt.
17. bis eine Stimme eine andere erreicht
Musik für 2 Blockflöten
(c-Sopran, g-Alt),
Chitarrone, Viola da Gamba und Cembalo
(ca. 11 Min. 10 Sec.)
Variativ in sich selbst nimmt das Stück Bezug
auf den Zyklus, ohne zu zitieren. Die musikalische Methode, siebenfach
die gleiche rhythmische Struktur auf ihre „Bedeutung“ abzufragen, entspricht
dem Umgang mit den Texten aus völlig verschiedenen Kulturen, deren
Bedeutung vielfach nur in der Hinterfragung der eigenen Kultur erschlossen
werden können.
Uraufführung: der Stücke Nr. 5, 6, 7, 8, 9 und 11 unter dem Titel Sechs Stücke mit Lesetexten
4. Mai 1992: Stadtmuseum Oldenburg, Preisverleihung des Carl von Ossietzky-Preises 1992 der Stadt Oldenburg;
camerata moderna:
Ulrike Volkhardt - Blfl,
Ulrike Nitz - Blfl,
Ulrich Wedemeier - Chit,
Simone Eckert - Viola da Gamba,
Karl-Ernst Went - Cemb
weitere Aufführungen dieser Stücke durch die camerata moderna:
2. Okt. 1992: St. Michaelskirche Waldkirch/Brsg,
3. Okt. 1992: Kaufhaussaal Freiburg;
4. Okt. 1992: St. Marthakirche Nürnberg,
10. Okt. 1992: Eisfabrik Foro Artistico Hannover
Uraufführung des gesamten Zyklus:
20. Nov. 1992:
Kulturzentrum Peter-Friedrich-Ludwig Oldenburg; camerata moderna: Ulrike Volkhardt Blfl, Ulrike Nitz Blfl, Ulrich Wedemeier Chit, Simone Eckert Viola da Gamba, Karl-Ernst Went Cemb, Christina Böckler Spr
weitere Aufführungen des gesamten Zyklus:
29. Nov. 1992: Kunsthalle Bremerhaven, Konzert von
Unerhört - Verein für Neue Musik, Bremerhaven;
camerata moderna: wie 20. Okt. 1992
8. Juni 1996: Im Gießhaus Kassel, Konzert des ERTA-Kongresses; camerata moderna s.o. mit
Eckart Kuper - Cemb
weitere Aufführungen einzelner Stücke:
31. Mai 1994: Maske und Kristall - Performance der camerata moderna,
Sprengel-Museum Hannover,
Konzert der
Hannoverschen Gesellschaft für Neue Musik;
camerata moderna s.o., Nr. 7, 8, 9, 12, 13, 14
? Juni 1994: Wdh. vom 31.5.94 in Nürnberg
20. Jan. 1995 (Premiere): Wartesaal nach Texte um Nichts von Samuel Beckett,
Tanz-Theater im Hof, Hannover;
camerata moderna s.o.; 16 Wdh. zwischen dem 21. Jan. und 26. Febr. 1995, Nr. 6, 8, 9, 10, 11, 13, 14
4. Juli 1998: Internationales Festival Blockflöte und Elektronik, Amsterdam, camerata moderna s.o., unbekannte Auswahl
Produktion, Mitschnitte und Rundfunksendungen:
CD-Produktion der camerata moderna:
9. Mai 1992: Palimpsest
R & M Digital Music
Nürnberg, 2-1023, LC 6887, Nr. 5, 8 und 9
Mitschnitt des Konzertes vom 29. Nov. 1992: in Bremerhaven: Unerhört - Jens Carstensen 1992
27. Okt. 1993: Sendung auf Radio Bremen, 2. Programm, Nr. 5, 8, 9, 13, 14