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Extrophie
Musik für vier Soprane

(ca. 6 Min. 30 Sek.; komp. 1990, UA 1993)

Einführung:


Der Wahn der Beherrschbarkeit steigt der Sprache unserer Gesellschaft zu Kopfe. Der ökonomische Vorteil rechtfertigt die Deformation der Bedeutung eines jeden Wortes, einer jeden Musik. Im Zeitalter der Kommunikation wird das Symbol ersetzt durch das Logo, Inhalt durch Rezeptibilität, Freundschaft durch Supervision und schließlich Kommunikation durch Applikation. Neu - das sind die ungespritzten, zur besseren Haltbarkeit bestrahlten Tomaten, - neu ist der deutsche Nationalstolz und die Platte von Prince ...       oder Melanie?
Wer nicht wirbt, der stirbt! Es lebe Hölderlin.
Extrophie ist ein medizinischer Fachbegriff, er bezeichnet die pathologische Lageveränderung eines Organs im Körper.

Diesen etwas bissigen Text habe ich dem Stück vorangestellt, als ich es komponiert hatte. Die Komposition selbst ist eine ziemlich rasante, wilde und witzige Montage aus vielen kleinen Klangpartikelchen, Bewegungssituationen und einer absurden Kombination musikalischer und Text-Zitate. Hier die Liste der musikalischen Zitate:

Bobby McFerrin, „Don't worry“;
Beatles (J. Lennon u. P. McCartney), „Come together“;
Johannes Brahms, „Es ist ein Schnitter“;
Miles Davis, „Nefertiti“;
Stevie Wonder, „Sir Duke“;
Rolling Stones (M. Jagger u. K. Richard), „Let's Spend The Night together“.

Alle diese Zitate sind bearbeitet, zum größeren Teil mit anderen Texten unterlegt. Die Liste der Texte folgt unten.



Texte


- Joh. Wolfgang v. Goethe, Faust I: „... an dem sausenden Webstuhl ...“
- Benjamin Franklin, Ratschläge an einen jungen Kaufmann: „ ... time is money ...“
- Ovid, Metamorphosen: „ ... tempus edax rerum ...“ (= die Zeit, die die Dinge zernagt)
- Jean-Francois Lyotard: Représentation, présentation, imprésentable (in der dt. Übersetzung von Marianne Karbe): „ ... Alles wissen, alles können, alles haben - das sind Horizonte, die sich ins Unendliche erstrecken ...“
- Eric Satie, Heures Seculaires: „Ich verbiete jedem, während der Aufführung laut den Text zu lesen. Jeder Verstoß gegen diese Anordnung wird meine gerechtfertigte Ungehaltenheit gegen den Dreisten nach sich ziehen. Ausnahmen aufgrund persönlicher Bevorzugung sind ausgeschlossen.“
- William Shakespeare, Hamlet: „ ... the time is out of joint ...“ (= die Zeit ist aus den Fugen)
- Maurizio Kagel, Sonant: „Dagegen bitte ich Sie, Herr Kontrabassist, diesen Text laut zu verlesen, während Sie spielen.“
- Matthäus (Neues Testament), 7,7: „Quaerendo invenietis ...“ (= Suchet, so werdet ihr finden)

Dazu gibt es eine Reihe von Werbetexten, wie:
„Sind Sie jung, erfolgreich und ehrgeizig?“
„Wollen Sie wissen, wie die Superstars den Tag beginnen und was sie am Frühstückstisch anhaben?“
„... dynamisch, jung, aktuell, brandheiß, und toll, und neu, super, aktuell ...“
„... Freiheit in ihrer faszinierendsten Form ...“
„... Supergeschmack, Superpreis, sonst nichts ...“



Aufführungen


Uraufführung:
22. September 1993: Tage für neue Musik, Wiesbaden, Evang. Kreuzkirche;
Belcanto-Ensemble: Carola Schlüter, Ulrike Twittenhoff, Bell Imhoff und Dietburg Spohr

weitere Aufführungen:
20. November 1993: Schloß Oldenburg, „Belcanto“ oh ton-Konzert; Belcanto-Ensemble s.o.


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