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Sieben kleine Sätze
für Geige Cello und Klavier
(ca. 19; komp. & UA: 2001)
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Ein Vergnügen ist es, für so wunderbare Musiker zu komponieren, wie ich es hier tun konnte.
So wurzeln eine Reihe von Ereignissen dieser Komposition in gemeinsamen Erlebnissen, kleinen Randbemerkungen und Gesprächen über Musik mit
diesen Musikern. Da gab es z.B. ein Gespräch mit Matthias Lorenz über
Joseph Haydn und seine Methode, mit Hörererwartungen umzugehen, sie zu
wecken und sie dann ganz anders als erwartet einzulösen, und mit der
Frage, ob diese Denkweise auch heute möglich sei.
Wir konnten uns darüber nicht ganz einigen. Meine Überlegungen landeten
sehr schnell bei Fluxus.
Nun finde ich es oft ziemlich lächerlich, wenn Gegenwartskomponisten
sich 40 Jahre alte Methoden aneignen, von Grenzüberschreitung reden,
und im übrigen so tun, als hätten sie etwas völlig Neues erfunden. Die
Verwendung von theatralischen, performativen oder szenischen Elementen
innerhalb von Musik ist nicht erst heutzutage keine Grenzüberschreitung
mehr, sondern ein ehrwürdiges Erbe. Wenn man allerdings die
gegenwärtige Renaissance der Konzertrituale betrachtet, ist zu
konstatieren, daß dieses Erbe weithin ignoriert wird - glücklicherweise
zum Schaden der Ignoranten.
Für mich ging es hier also um eine Verknüpfung zweier historischer
Positionen (nicht ohne Platz für meine eigenen zu lassen!), und die
Frage entsteht, ob die Verbindung dann über beide hinausreichen kann.
Über Haydn vielleicht, indem das Fragen nach den Erwartungen sich nicht
allein auf das Immanente des Stückes richtet, sondern den ganzen
Bezugsrahmen „Konzert“, „Aufführung“, „Interpretation“, „Komposition“
einbezieht und schließlich hinterfragt. Über Fluxus, indem die Aktion
in einen widerspruchsvollen, aber seriösen Rahmen gestellt ist, der ihr
das Plakative und eine gewisse Verweigerungshaltung austreibt, ohne ihr
die Spitze der Provokation zu nehmen.
Der konstruktive Rahmen der Sieben kleinen Sätze selbst ist relativ
einfach: Jedes Instrument hat eine eigene Reihe, die durch verschiedene
Permutationen mehrfach durchlaufen wird. (Es widerspricht zwar dem
Prinzip der Ökonomie des Materials, aber die Differenz des Materials
erzeugt einfach schöne Gegen- und Gleichläufigkeiten, wie es mit nur
einer einzigen Reihe nicht möglich wäre.) Die einzelnen Sätze
unterscheiden sich nun in Hinsicht auf die Größe ihrer Tongruppen (ein
primitives, und deshalb sehr deutliches Merkmal),
in Hinsicht auf ihre Klangerzeugung und ihre Musizierorganisation. So
besteht der erste Satz ausschließlich aus Gruppen von fünf Tönen, es
wird ausschließlich auf die Holzteile der Instrumente geklopft und der
Satz wird gemeinsam begonnen und dann im jeweils eigenen Tempo
unabhängig voneinander gespielt. Im vierten Satz sind es Tongruppen von
drei Klängen, hier sind Serien von sehr schnellen akzentuierten Akkord-
bzw. Doppelgriffwiederholungen, es gibt ein gemeinsames Tempo und ein
schnelles gleichmäßiges Metrum. Im 3. Satz gibt es Einer-Gruppen und
damit eigentlich keine Gruppierung. usw. Im 5. Satz gibt es eine Skala
von Tempi, die von allen drei Stimmen benutzt werden, mit Anschlüssen
an die anderen Stimmen.
Zwischen diesen Sätzen stehen jeweils kleine Aktionen. Nach dem 1. Satz
geht der Cellist einmal um sein Cello herum, Im Ende des 2. Satzes,
noch während die Geige spielt, wendet sich der Pianist an den Cellisten
mit den Worten: „Was wär' D. Lös ohne Belang!“. Und am Ende des
sechsten Satzes schließlich sucht der Geiger eine Person aus dem
Publikum, die für ihn den siebten Satz spielt.
Diese Auflistung von Unterschieden macht schon deutlich: Ich habe hier
eine weite Palette heterogenen Materials gesucht. Das „Eigentliche“
findet - wie immer - in den Beziehungen dieser heterogenen Positionen
statt. Und dieses muß - auch hier wie immer - jeder für sich selbst
finden.
Ein Schlüssel findet sich sicher auch in dem Text des 5. Satzes, der
nur den Musikern als ganzes verständlich werden kann: Es ist ein
kleiner Ausschnitt aus einem Essay von Massimo Cacciari: Chronos
apokalypseos - Zeit der Apokalypse.
Massimo Cacciari : Chronos apokalypseos
- Zeit der Apokalypse. in: Massimo Caciari: Zeit ohne Kronos, Ritter
Klagenfurt 1986, S. 37f.
Aber - wird nicht genau dies unsere Chiffre
sein: die Apokalypse des Vergänglichen wieder in einer Sprache, einem
Wort zu versuchen, das nicht jenes lebende ist, das nicht
jenes prophetische sein kann? Als ob sich das Ich, das sich im
Werk zeigt, durch geheime Machenschaften seiner Sprache, dank
Erinnerungen, die noch erblühen müssen, tatsächlich ins Wir verklären,
verwandeln könnte? Als ob dieses Ich, aufgrund seiner gegenwärtigen
Einsamkeit, den Blitz, der das Aber bindet, zu dem wir fähig
sind, dem Wir verspräche, zu dem wir noch nicht fähig sind?
Wird es nicht genau dies sein, was wir müssen: das Aber
nachhallen lassen, als ob das Wir nicht ,niemals mehr', aber
,noch nicht' wäre?
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Uraufführung:
18. Oktober 2001: Kulturrathaus, Dresden;
-Klaviertrio:
Uta-Maria Lempert - Vl,
Matthias Lorenz - Vc,
Stefan Eder, - Klav
weitere Aufführungen:
20. Oktober 2001 Groß-Gerungs,
Österreich
19. April 2002 Odessa Festival
6. Juni 2002 Dresden
14. Juni 2002 Coswig
14. September 2002 Eisgarn, Österreich
20. Januar 2003 Zürich, Helferei
7. Juli 2004 Dresden, Albert-Hall
28. Oktober 2004 Dresden, Leonhardi-Museum
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Dresdner Neuste Nachrichten am 22. Oktober 2001, zum Konzert am 18. Oktober 2001
Von bieder bis brachial
Klaviertrio-Abend mit Neuer Musik im Kulturrathaus
von
Benjamin Schweitzer
|
Wenn der Cellist Matthias
Lorenz zum Konzert antritt, dann darf man im allgemeinen mit
interessanten Entdeckungen rechnen. Für das jüngste Projekt hatten
Lorenz, die Geigerin Uta-Maria Lempert und der Pianisten Stefan Eder
ein Programm um die Klaviertrio-Besetzung zusammengestellt. (...) |
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